Alfred Kubins Schlössl
Sieben Kilometer nördlich von Schärding, direkt am Inn, liegt der Ort Wernstein. Von hier aus sind es etwas mehr als zwei Kilometer, allerdings hügelauf, hügelab zu Alfred Kubins Schlössl. Eine Strecke, die sich mit dem Auto in wenigen Minuten zurücklegen lässt. Viel länger brauchten der Maler Alfred Kubin oder seine Gäste, wenn sie von der Bahnstation Wernstein zu Fuß hinaufstiegen. Der Weg lohnt sich, damals wie heute. Hat man die Falten der Landschaft durchquert, steht man vor einem kleinen Gutshof, dessen Glockenturm sich keck über die Bäume eines verwunschenen Parks reckt. Mit Teich und Laube versteht sich.
Dieses Haus aus dem 16. Jahrhundert war mehr als 50 Jahre lang Kubins Refugium. Hier entstand der Großteil seiner düsteren, albtraumhaften Bildwelten, die so gar nicht das heitere, malerische Ambiente widerspiegeln, das Alfred Kubin selbst seine „Arche“ nannte.
Schicksalsschläge der frühen Jahre
Ihre Wurzeln sind vielmehr in den Katastrophen und Verlusten zu finden, die Alfred Kubin seit frühester Kindheit erleiden musste. 1877 wird er in Leitmeritz in Böhmen geboren. Als er zehn Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Auch die nächste weibliche Bezugsperson, seine Stiefmutter, stirbt nur ein Jahr später. Der Lebensweg, den er als Fotograf einschlagen will, misslingt, sein darauffolgender Selbstmordversuch glücklicherweise ebenso. Auch eine Karriere beim Militär muss er wegen eines Nervenzusammenbruchs nach kurzer Zeit abbrechen. Das Blatt wendet sich, als er nach München geht, wo er ein Kunststudium beginnt. Es scheint, als sei er auf der glücklichen Seite angekommen, doch der nächste Schicksalsschlag ereilt ihn: Im Frühjahr 1903 hatte er Emmy Bayer kennengelernt und sich mit ihr verlobt, doch im Dezember desselben Jahres stirbt sie an Typhus und stürzt Alfred Kubin einmal mehr in tiefe Verzweiflung. Doch dann endlich ist das Glück auf seiner Seite, nur wenige Monate später lernt er die Witwe Hedwig Gründler kennen, heiratet sie 1904 und findet in ihr eine wunderbare Gefährtin, Muse und einen Lebensmenschen.
Angekommen in Zwickledt
Zwei Jahre nach der Hochzeit erfährt er vom Freisitz Zwickledt, einem leerstehenden und halb verfallenen Landsitz oberhalb des Inns. Im Oktober 1906 übersiedelt das Paar in das „Schlössl“, wie Alfred Kubin es auch liebevoll bezeichnet, und es beginnt seine produktivste Lebensphase.
Während seine Malerei häufig auf Unverständnis stößt, ist Kubin als Zeichner äußerst gefragt. So illustriert er rund 60 Bücher, darunter Werke von Edgar Allan Poe, Fjodor Dostojewski oder Elias Canetti. Er veröffentlicht druckgrafische Mappenwerke und hinterlässt nach seinem Tod tausende Federzeichnungen, die ihn zu einem der bedeutendsten Künstler Österreichs machen. Auch sein einziger Roman „Die andere Seite“ entsteht in Zwickledt. Von hier aus korrespondiert er mit zahlreichen Persönlichkeiten der mitteleuropäischen Kunst- und Literaturszene des frühen 20. Jahrhunderts, von denen viele auch in diesem Refugium zu Gast sind.
Vermutlich jedoch nicht im Winter, denn dieser ist im Innviertel hart und Zwickledt wird zum „Schlösschen Eisgrube“, weil der Künstler aus Geldmangel nur einen Raum heizt. „Da brauchte er nach dem Frühstück nur seinen Stuhl umzudrehen und saß am Arbeitstisch. Bis zum Mittag wurde konzentriert gearbeitet, dann der Stuhl erneut umgedreht, und es gab Mittagessen“, wie der Autor und Verleger Bernd Erhard Fischer die Situation schildert. Nicht weniger hart sind die Jahre des Zweiten Weltkriegs, Alfred Kubins Zeichnungen gelten als entartet und er hat kaum noch Aufträge, die ihn finanziell über Wasser halten würden. Auch dem Haus setzt der Krieg zu, es können keine Reparaturen gemacht werden, und erst in den Nachkriegsjahren geht es für Zwickledt und seine Bewohner:innen wieder aufwärts. Bis zum nächsten Schicksalsschlag. 1948 stirbt Ehefrau Hedwig und Alfred Kubin vereinsamt immer mehr und zieht sich von der Welt zurück. Er wird zum menschenscheuen Sonderling, und am 20. August 1959 stirbt schließlich „der Magier von Zwickledt“.
Den besten Stunden nachspüren
Heute wirkt es dennoch, als würde nicht nur sein Geist den Freisitz Zwickledt bewohnen: Alfred Kubins Lodencape hängt noch immer an einem Haken im Hauseingang, darüber sein Hut und daneben sein Stock. Dass alles in diesem Anwesen den Geist des Künstlers atmet, ist dem Land Oberösterreich zu verdanken, denn es führt das Haus als Museum und Gedächtnisort weiter. Besichtigen kann man es nur in Begleitung der Kuratorin persönlich, die mit ihren begeisterten Schilderungen Alfred Kubin lebendig werden lässt und diese faszinierende Persönlichkeit, die zwischen Depression und Geselligkeit, Angst und Lebensfreude changierte, den Besucher:innen näherbringt. „Ich bin weder Philosoph noch Schriftsteller, sondern so recht mit Fleiß und Leidenschaft Künstler. Bei Papier, Stiften und Tusche verbringe ich meine besten Stunden“, schrieb Alfred Kubin über sich selbst. Als kurzzeitiger Gast in Kubins Schlössl kann man diesen besten Stunden auch heute noch nachspüren.
Hinweis: Kubinhaus
Zwickledt 7, 4783 Wernstein am Inn
Telefon: +43 (0)7713/66 03 oder +43 (0)664/600 725 2160
E-Mail: kubinhaus@ooelkg.at
Geöffnet von 26. April bis 31. Oktober, Dienstag bis Freitag 14 bis 17 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 13 bis 18 Uhr
